"Quatsch oder Aufklärung?": OBS veröffentlicht Analyse von TV-Satiresendungen

Pressemitteilung

Frankfurt/Main, den 26. September 2016. 51 mal hat sich die heute show des ZDF im ersten Halbjahr 2016 über Angela Merkel lustig gemacht. Damit führt die Bundeskanzlerin das Witze-Ranking klar an vor SPD-Chef Sigmar Gabriel, der 25 mal, und CSU-Chef Horst Seehofer, der 23 mal Zielscheibe des Spottes war. Andere Politiker folgen mit großem Abstand. Das Spitzentrio der deutschen Politik ist auch Spitze darin, durch den Kakao gezogen zu werden.

Das ist nur ein Ergebnis einer neuen Studie der Otto Brenner Stiftung über Satire im deutschen Fernsehen. 80 Themen hat sich die heute show im untersuchten Zeitraum vor die Brust genommen, 79 davon waren ganz unmittelbar politisch. In der Zuschauergunst hat Oliver Welkes satirische heute show längst das ernsthafte „heute journal“ überholt. Zeit also, der Frage nachzugehen, ob Satiresendungen im Fernsehen hauptsächlich Quatsch zu bieten haben oder auch ein Angebot sein können, politisches Interesse zu wecken.

In der 108-seitigen Studie untersucht Prof. Bernd Gäbler, Medienwissenschaftler an der FHM Bielefeld und ehemaliger Leiter des Grimme Instituts, nicht nur die heute show. Er vergleicht diese Sendung mit den Formaten Die Anstalt (ZDF) und extra 3 (NDR/ARD), stellt sie in die Satire-Traditionen des deutschen Fernsehen und wirft einen Blick auf das US-Fernsehen.

Die Studie zeigt unter anderem: Neben vielen Kalauern zeichnet „antiautoritäres Lachen“ und Respektlosigkeit in alle Richtungen die Satire-Sendungen aus. Quatsch ist dann aufklärerisch, wenn er zeigt, wie verrückt die politische Wirklichkeit ist. Spott und Ironie richten sich besonders oft gegen Politikerfloskeln und Medienmarotten. Wer sich über Politik lustig macht, sage damit keineswegs, dass diese nicht wichtig sei. Insofern wohne der heute show wie den anderen Sendungen durchaus aufklärerisches Potential inne, befindet die Studie und grenzt sich damit von Positionen ab, die der Satire vorwerfen, Politikverdrossenheit zu fördern und Politikerverachtung zu betreiben.

Die heute show behandle in großer Dichte Politik und Politiker, greife dabei Elemente der Comedy fernsehgerecht auf und sei anschlussfähig für Zuschauer mit sehr unterschiedlichem politischen Vorverständnis. Die heute show lache über die Welt, während Die Anstalt an ihr verzweifele. Diese Sendung transformiere das klassische Kabarett zu kleinen Theaterstücken mit vielen Lehr- und Erklärstücken. Dagegen merke man extra 3, das vielfältige Parodien und Sketche biete, die Magazintradition an. Hier seien die Songs – wie das besonders bekannt gewordene „Erdowie, Erdowo, Erdogan“ - eine besondere Stärke.

„Satire boomt“, heißt es im Resumee der Studie. „Das hat sicher mit der sich generell ändernden Mediennutzung zu tun. (...) Die klassische politische Berichterstattung ist vielen zu zäh. (...) Satire wird und darf den Journalismus nicht ersetzen und sie ist erst recht nicht der bessere Journalismus. (…) Um politische Vertiefung zu erreichen, ist Anschlusskommunikation wichtig“, schreibt Gäbler in „Quatsch oder Aufklärung?“

Die Studie entstand in Zusammenarbeit mit der Otto Brenner Stiftung, bei der Bernd Gäbler bereits mehrere medienkritische Untersuchungen, u.a. zu Talkshows, veröffentlicht hat. Die Stiftung will mit der neuen Studie gezielt Anstöße geben für die weitere intensive Beschäftigung mit politischer Satire. „Die Otto Brenner Stiftung widmet sich der Satire nicht, weil diese gerade in Mode ist, sondern weil geprüft werden soll, ob mehr dahintersteckt als nur der Windhauch des Zeitgeistes“, betont Jupp Legrand, Geschäftsführer der Stiftung. In seinem Vorwort zur Studie appelliert der Stiftungsvertreter „nicht allein an Sender und Institutionen der Medienbranche, sondern an alle, denen politische Bildung am Herzen liegt, die vorhandenen Potenziale der heute show, Der Anstalt und von extra 3 vorurteilsfrei zu erkennen.“ Die Stiftung wird das Thema „Witz und Politik in TV-Satiresendungen“ auch in den Mittelpunkt ihrer diesjährigen Medienpolitischen Tagung am 15. November stellen. 

Kontakt:

Otto Brenner Stiftung
Jupp Legrand
Telefon: 069 - 6693 2810
E-Mail: info(at)otto-brenner-stiftung.de

Autor:

Professor Bernd Gäbler
E-Mail: b.gaebler(at)t-online.de 

Newsletter Anmeldung