Das Leben Otto Brenners

1907 – 1925 Kindheit, Jugend und das harte Leben

Otto Friedrich Brenner kommt 1907 in Hannover als drittes von vier Kindern auf die Welt. Er wächst unter bedrückenden materiellen Verhältnissen auf, in einer Familie mit sozialdemokratischen Wurzeln im Hannoveraner Arbeitermilieu. Dort lernt er früh was es heißt als Arbeiterkind aufzuwachsen. Zeitlebens bestimmen diese Wurzeln die Gewerkschaftsarbeit und den Menschen Otto Brenner.

Die ersten Jahre seiner Kindheit beschreibt Otto Brenner als weitestgehend sorgenfrei. Erst als der Vater 1914 eingezogen wird und die Familie bis 1920 auf sich allein gestellt ist, bestimmen Verzicht und harte Arbeit das Leben der jungen Familie. Neben der Schule, wo er stets als einer der Besten gilt, arbeitet Otto Brenner schon mit 10 Jahren als Botenjunge. Mit Beendigung der 8. Volksschulklasse im Jahr 1922 folgt eine Reihe verschiedener Beschäftigungsverhältnisse. Während dieser Zeit ist Otto Brenner mit harten und oft gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen konfrontiert, welche er später mit aller Macht bekämpfen wird.

Otto Brenners politisches Engagement beginnt schon als Heranwachsender mit 13 Jahren, als er 1920 der Arbeiterjugend, später Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ), beitritt. Fast zeitgleich wird er Mitglied im Deutschen Metallarbeiter-Verband (DMV), was die Grundlage für seine spätere Stellung als gewerkschaftlicher Vertrauensmann ist.

Seine zukünftige Frau Martha Werner lernt er auf Feiern und Veranstaltungen der SAJ kennen.

Nach längerer Krankheit findet er 1925 bei HANOMAG einen Ausbildungsplatz und wird Betriebselektriker.

 

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Otto Brenner in der Arbeiterjugend, erste Reihe, zweiter von rechts

1926 – 1933 Wandern, Wirtschaftskrise und Parteiarbeit

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1926 tritt der 18 jährige Otto Brenner in die SPD ein. Parallel gründet er den Landesverband des Deutschen Arbeiter-Abstinenten-Bundes (DAAB), um dem politisch lähmenden Missbrauch von Genussmitteln in der Arbeiterschaft entgegenzuwirken. Zeitlebens ernährt er sich vegetarisch, raucht nicht und trinkt äußerst selten Alkohol. Sportlichen Ausgleich findet er beim Wandern im Deutschen Friedensbund und bei den Freien Schwimmern.

1928 beginnt mit dem Ruhreisenstreik einer der wichtigsten Streiks der Metallindustrie. Otto Brenner beteiligt sich und letztendlich können Lohnerhöhungen durchgesetzt werden. In diesen Tagen lernt er die Verantwortung und  die Macht der Gewerkschaften kennen.

Mit dem Börsenkrach 1929 beginnt der Abschwung der Weimarer Republik. Es gibt mehr als sechs Millionen Arbeitslose, welche unter elenden Bedingungen leben, zu denen ab 1931 auch Otto Brenner gehört. In dieser Zeit wendet er sich der intensiven Lektüre politischer Bücher zu.

Die schleichende Entmachtung des Reichstages destabilisiert zunehmend die politischen Verhältnisse und es beginnt der Aufstieg der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (NSDAP).

Otto Brenner, der als Anführer des jugendlichen oppositionellen Flügels der SPD gilt und ein Ende der Tolerierungspolitik fordert, wird 1931 aus der SPD ausgeschlossen. Mit anderen Parteilinken schließt er sich daraufhin der neu gegründeten Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) an.

1934 – 1945 Heirat, Nationalsozialismus und Haft

Am 6. August 1933 heiratet Otto Brenner seine langjährige Freundin Martha Werner standesamtlich. Doch mit der Machtergreifung Hitlers hatte für ihn eine politisch und persönlich schwierige Zeit begonnen. Unter dem Druck der Nationalsozialisten wird die SAPD für illegal erklärt. Otto Brenner glaubt an den Widerstandskampf durch die Verbände der SAPD und arbeitet trotz des Verbotes weiter am Erhalt und der Organisation der Partei. Er reist durch verschiedene deutsche Städte, um Kontakt zu anderen SAPD-Gruppen herzustellen. Nach der Rückkehr von einer dieser Reisen wird er am 30. August 1933 in Hannover in Untersuchungshaft genommen. Trotz der Inhaftierung hält er stetig Briefkontakt zu seiner Frau Martha. Es dauert noch eineinhalb Haftjahre in Ungewissheit bis am 9. Mai 1935 offiziell Anklage gegen Otto Brenner erhoben wird. Seine Strafe fällt mit zwei Jahren vergleichsweise milde aus, zumal die Dauer der Untersuchungshaft angerechnet wird. Nach zwei weiteren Monaten verlässt Otto Brenner das Gefängnis und zieht zu seiner Frau Martha nach Hannover-Buchholz. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges steht er unter Polizeiaufsicht.

Während des Krieges kann Otto Brenner wieder als Elektromonteur arbeiten, denn er gilt als „wehrunwürdig“ und wird nicht eingezogen. Am 1. Oktober 1941 wird das einzige Kind der Brenners, Heike Brenner, geboren – Hannover wird in dieser Zeit mehrfach durch Luftangriffe erschüttert. Als die Alliierten am 10. April 1945 Hannover befreien ist Otto Brenner hoffnungsvoll, sich nun ein neues Leben aufbauen zu können. Seine Familie und er haben die schweren Jahre der nationalsozialistischen Diktatur weitestgehend unbeschadet überstanden.

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1956 – 1972 Otto Brenner als 1. Vorsitzender der IG Metall

Innerhalb von elf Jahren erfolgt Otto Brenners Aufstieg zum alleinigen Vorsitzenden der IG Metall (von 1952 bis 1956 war er - gemeinsam mit Hans Brümmer - 1. Vorsitzender). In der Ära Brenner (1956-1972) können der Ausbau der gewerkschaftlichen Mitbestimmung, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Arbeitszeitverkürzung, eine expansive Lohnpolitik, mehr Urlaub und Ansätze einer Humanisierung der Arbeit durchgesetzt werden. Als Sozialdemokrat und Gewerkschafter greift Otto Brenner immer wieder in die politischen Debatten der Bundesrepublik ein. Mit Nachdruck engagiert er sich in der „Kampf-dem-Atomtod“-Kampagne und in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung gegen die Notstandsgesetze. 

Otto Brenner professionalisiert die hauptamtliche Gewerkschaftsarbeit und wird 1961 Vorsitzender des Internationalen Metallgewerkschaftsbundes (IMB). Bereits damals erkennt er die Bedeutung der europäischen Integration und wirkt im Wirtschafts- und Sozialausschuss der Europäischen Gemeinschaft mit. Bald ist die IG Metall die größte demokratische Einzelgewerkschaft der Welt.

Am 15. April 1972 stirbt Otto Brenner mit nur 64 Jahren an den Folgen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung.

 

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Zeitzeugen über Otto Brenner

Am 20. April 1972 fand in Frankfurt/Main die Trauerfeier für Otto Brenner (*1907 - †1972) statt. Die Zeitzeugen-Zitate haben wir aus der Trauerrede zusammengestellt.

Eugen Loderer (2. Vorsitzender der IG Metall) am 20. April 1972:

„Es war seine Leistung, seine einmalige menschliche und gewerkschaftliche Leistung, auf der seine Bedeutung wie sein Erfolg beruhen. […] Fleiß und Gewissenhaftigkeit im Kleinen wie im Großen, haben ihn zeit seines Lebens vor allem anderen ausgezeichnet. […] In seiner Person hatte die Idee der Befreiung des arbeitenden Menschen aus den Fesseln materieller und geistiger Abhängigkeit Gestalt angenommen (…).“

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Willy Brandt (Bundeskanzler) am 20. April 1972:

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„Otto Brenner gehörte zu den Männern der ersten Stunde. Nach dem Krieg war er gleich zur Stelle, als es darum ging, die für eine demokratische Ordnung unverzichtbare freie und unabhängige Gewerkschaftsbewegung aufbauen zu helfen. […] Dabei blieb er als einer der (…) einflussreichsten Männer dieses Landes ein Beispiel an Bescheidenheit. In seinem Tun und Lassen blieb er denen ganz nahe, die er unmittelbar zu vertreten hatte; in seinem Denken und Trachten war er bei denen, die der Hilfe bedürfen. Bei der Durchsetzung seiner Ziele blieb er zäh und grundsatztreu, aber er hatte nichts von einem sturen Dogmatiker.“

„Otto Brenner wird in die Geschichte eingehen als einer der großen Gewerkschaftsführer unseres Landes. Sein Mühen um mehr Gerechtigkeit, mehr Freiheit und mehr Solidarität soll uns Vermächtnis sein und Ansporn zugleich.“

Albert Osswald (Hessischer Ministerpräsident) am 20. April 1972:

„Dieser Mann, der die Dinge stets beim Namen nannte und nie zum Mittel verbaler Beschönigung griff, war in all seinen Worten und Taten zutiefst von dem Bewusstsein geprägt, dass sich nachdrückliches gesellschaftliches Engagement und Verpflichtung für das allgemeine Wohl einander nicht ausschließen.

Heinz Oskar Vetter (Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes) am 20. April 1972:

„Seine Lebensarbeit ist ein Beweis für die gesellschaftsformende Kraft einer Persönlichkeit, die sich der kollegialen Zusammenarbeit nie entzog. Wer die Willensstärke und die Furchtlosigkeit in der Erfüllung seiner Aufgaben bis in seine letzten Tage hinein miterlebt hat, wusste, dass diese Charakterzüge mit anderen, geradezu schicksalhaft gewachsene Eigenschaften sich in Otto Brenner zu einer seltenen Vollkommenheit zusammengefunden haben.“

Walter Hesselbach (Vorstandsvorsitzender der Bank für Gemeinwesen) am 20. April 1972:

„Wie wenige verstand er es, mit der Kraft des Wortes und der Klarheit des Gedankens Menschen zu überzeugen. Dabei war er kein Mann der leichten Konversation. Alles, was er tat und sprach, bereitete er sorgfältig vor. Dabei dachte er, wie er sprach. Ohne Winkelzüge und Ausflüchte. […] Selten habe ich eine solche Einheit von Gesinnung und eigener Lebensführung erlebt.“