Pressemitteilung

„Mauer in den Köpfen?“

Einstellungen zur deutschen Einheit im Wandel

+++ Aktuelle Studie der Otto Brenner Stiftung analysiert den Wandel der Einstellungen zur Wiedervereinigung seit 1990 +++ Im Jubiläumsjahr Trend zur „Einheitsmentalität“ zu erkennen +++ Die „Mauer in den Köpfen“ bröckelt, Fremdheitsgefühle nehmen ab, der Blick auf die Wiedervereinigung gleicht sich an +++ Bei junger Generation und Binnenmigrant*innen nur noch geringe Unterschiede in den Einstellungen identifizierbar +++ OBS setzt ihre Untersuchungen über innerdeutsche Angleichungsprozesse fort +++

Frankfurt am Main, den 28. September 2020. 30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung ist das Zusammengehörigkeitsgefühl in Ost- und Westdeutschland weiter angewachsen: So lautet der zentrale Befund einer neuen Studie der Otto Brenner Stiftung, die anlässlich des runden Jubiläums heute erscheint. Unter dem Titel „Mauer in den Köpfen?“ hat ein Team um Ayline Heller von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz den Wandel der Einstellungen zur deutschen Einheit analysiert, die soziale und mentale Kohäsion von Ost und West untersucht und dabei eine nachhaltige Entwicklung zur „Einheitsmentalität“ identifiziert.
 
„Mit Blick auf das Zusammenwachsen auf der Einstellungsebene geben unsere Ergebnisse Anlass für einen realistischen Optimismus“, so Studienautorin Heller. „Unsere Daten zeigen eine stetige Abnahme der Einstellung, der jeweils andere Teil Deutschlands sei `fremd´. Zeitgleich nähern sich beide Landesteile auch in der zentralen Frage der Bewertung der Wiedervereinigung zunehmend an“. So stimmen heute Ost- wie Westdeutsche wesentlich häufiger zu, dass der „eigene“ Landesteil doch von der Wende profitiert hat als dies noch 1990 der Fall war. Die Zustimmung zur Frage, ob der "andere" Teil profitiert habe, nahm hingegen ab, wodurch sich insgesamt eine ausgewogenere, weniger polarisierte Bewertung der Wiedervereinigung ergibt: Ein Trend, der hauptsächlich durch die junge Generation getragen wird, in der sich kaum noch Unterschiede in den Bewertungen dieser zentralen Fragestellungen finden. „Der Blick auf die Daten zeigt ganz klar: Je älter die Befragten, desto stärker wirkt die Mauer noch nach“, meint Jupp Legrand, Geschäftsführer der Otto Brenner Stiftung.

Auch an anderer Stelle trüben einige Ergebnisse die positive Gesamtentwicklung. So gibt noch immer fast jede*r Fünfte in Ost und West an, sich den Bewohner*innen des je anderen Teils fremd zu fühlen – ein hoher Wert, auch wenn es Anfang der 2000er Jahre noch jede*r Vierte war. Eine Ausnahme konnten die Forscher*innen aber auch hier ausmachen: „Die Binnenmigrant*innen, also diejenigen Personen, die von Ost nach West oder umgekehrt gezogen sind, können in dieser Hinsicht als Vorreiter*innen der Verwirklichung der Wiedervereinigung angesehen werden“, so Heller: „Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist messbar höher, sodass wir von einer Art `Wossi-Effekt´ sprechen können.“ Wer im Laufe seines Lebens den Landesteil gewechselt hat, komme mit beiden Sichtweisen über die Wiedervereinigung in Berührung und bilde eine weniger polarisierte Meinung heraus als Personen, die stets im Osten oder Westen gelebt haben.

Stiftung und Autor*innen ziehen aus den Ergebnissen der Untersuchung u.a. den Schluss, dass Maßnahmen zur wirtschafts- und sozialpolitischen Angleichung zusätzlich von (Bildungs-) Programmen zur Förderung des innerdeutschen Austausches flankiert werden sollten. Jupp Legrand betont ergänzend: „Die Otto Brenner Stiftung begleitet die Annäherung zwischen Ost und West seit vielen Jahren und die vorliegende Studie bestätigt, was sich schon länger andeutet: Für eine wirkliche, auch emotionale Vollendung der Einheit ist es von großer Bedeutung, dass unterschiedliche Erfahrungen und Blickwinkel auf den Wiedervereinigungsprozess in einen wertschätzenden Dialog miteinander treten können.“

Zuvor waren bei der Stiftung unter anderem Untersuchungen zur „Nachwendegeneration“, zu gesellschaftlichen und politischen Einstellungen in Ost und West sowie zu aktuellen Fragen der sozialen und ökonomischen Entwicklung erschienen.

Ayline Heller u.a.: Mauer in den Köpfen? Einstellungen zur deutschen Einheit im Wandel; OBS-Arbeitspapier 42; Frankfurt/Main, September 2020

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Arbeitspapier 42 als PDF-Datei

Kontakt:

Otto Brenner Stiftung
Geschäftsführer
Jupp Legrand
Telefon: 069 - 6693 2810
E-Mail: info(at)otto-brenner-stiftung.de

Für das Autor*innenteam

Ayline Heller
Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Telefon: 06131 - 17 - 7647
E-Mail: ayline.heller(at)unimedizin-mainz.de