Pressemitteilung

Blinde Flecken und Leerstellen in der wirtschaftsjournalistischen Ausbildung

++ Kontroversen begleiten seit Jahren die wirtschaftspolitische Berichterstattung +++ Ist der Wirtschaftsjournalismus trotz fundamentaler Krisen zu „marktgläubig“? +++ Gibt es wirtschaftswissenschaftliche Ansätze, die er ignoriert? +++ Hängen Defizite in der Berichterstattung mit Lücken in der Ausbildung zusammen? +++ OBS untersucht Studiengänge und analysiert Qualifizierungsangebote +++ Studie identifiziert konzeptionelle Leerstellen und blinde Flecken in der wirtschaftsjournalistischen Ausbildung +++ Stiftung plädiert für „Emanzipation von neoklassischen Ansätzen“ +++ Weniger Mainstream, mehr Vielfalt: wirtschaftspolitische Umbrüche erfordern ein breites Spektrum von Perspektiven +++

Frankfurt am Main, den 17. Juni 2021. Ob Finanzmarktkrise, Euro- oder Griechenland-Krise: In den vergangenen Jahren hat die Qualität der wirtschaftsjournalistischen Berichterstattung immer wieder zu Auseinandersetzungen und Kontroversen geführt. Auch angesichts aktueller politischer und gesellschaftlicher Umwälzungen, die mit komplexen wirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Fragen einhergehen, steht der Wirtschaftsjournalismus vor der Herausforderung, mit vielfältigen Perspektiven zu einer demokratischen Meinungsbildung beizutragen. Doch die Kritik, dass im Wirtschaftsjournalismus einseitige Sichtweisen dominieren und er die Vielfalt wirtschaftswissenschaftlicher Strömungen, Forschungen und Expertise nicht genügend abbildet, ist im Kern geblieben. Während in seiner Bezugsdisziplin, der Wirtschaftswissenschaft, seit Jahren eine breite Pluralismus-Debatte geführt wird, blieb offen, ob sich dieser Wandel auch im Wirtschaftsjournalismus zeigen lässt. Die empirisch breit angelegte und konzeptionell klug durchdachte Studie von Valentin Sagvosdkin führt erstmals diese beiden Diskurse zusammen und geht auf beeindruckender Materialbasis der Frage nach, wie wirtschaftswissenschaftlich plural und reflexiv Wirtschaftsjournalist:innen ausgebildet werden. Es werden grundlegende Qualifizierungszugänge identifiziert und über 300 Modulbeschreibungen aus 17 Studiengängen von sechs Universitäten und drei Hochschulen im Hinblick auf ökonomische „Pluralität“ und auf „Reflexivität“ untersucht. Die Ergebnisse unterstreichen, dass sich diese wirtschaftsjournalistischen Zugänge nicht durch inhaltliche Breite auszeichnen, sondern eine wirtschaftspolitische Schlagseite aufweisen.

Die ökonomische Pluralität wurde nach zwei Maßstäben untersucht: Im ersten überwiegt durchschnittlich der Mainstream mit etwa 54 Prozent, während sich beim zweiten, kritischeren Maßstab mit durchschnittlich fast 80 Prozent eine überdeutlich orthodoxe Dominanz zeigt. Das bedeutet, dass als ökonomische Fachkenntnisse überwiegend „neoklassische“ Inhalte mit abstrakt-mathematischen Modellierungen vermittelt werden. Solche Inhalte beruhen dabei auf umstrittenen Annahmen. Sie gehen beispielsweise davon aus, der Mensch sei ein „rationaler Nutzenmaximierer“ oder Staatsausgaben seien eher als Schulden statt als Investitionen zu betrachten. Bei beiden Maßstäben gibt es den Trend, dass Wahlmodule im Vergleich zu Pflicht- und Basismodulen etwas pluraler sind. Umgekehrt gilt also: Je verpflichtender und je grundlegender die Veranstaltung, umso weniger ausgeglichen und plural sind die vermittelten Inhalte. So überwiegen in den Grundlagenveranstaltungen in der ersten Konzeption der Mainstream mit fast 58 und die Orthodoxie mit nahezu 90 Prozent. „Eine plurale und zukunftsgewandte Ausrichtung entwickelt sich momentan zum Goldstandard in den Wirtschaftswissenschaften. Einige Studiengänge und Universitäten legen bereits angesichts der Corona- und der Klimakrise besondere Schwerpunkte auf Krisenverständnis, Transformation und Nachhaltigkeit“, stellt Studienautor Valentin Sagvosdkin fest und fordert: „Wirtschaftsjournalistische Ausbildungen müssen jetzt nachziehen und das Spektrum der vermittelten Perspektiven erhöhen.“

Zur Analyse von „Reflexivität“ wurde das Material nach fünf besonders bedeutenden Fächern durchsucht (u.a. Ideengeschichte, Wissenschaftstheorie, Nachhaltigkeit) und deren Umfang nach Relevanz gewichtet. Ergebnis: Fast alle Studiengänge bieten zwar mindestens ein reflexives Fach an, allerdings schwankt der tatsächlich im Gesamtstudium absolvierbare Umfang nur zwischen rund 1 und 35 Prozent. In lediglich vier Fällen, so ein weiteres Ergebnis, sind 1-2 reflexive Inhalte verpflichtend. Jupp Legrand, OBS-Geschäftsführer, schlussfolgert: „Die wirtschaftsjournalistische Ausbildung muss sich von der ökonomischen Orthodoxie emanzipieren“. Angehende Journalist:innen, so Legrand weiter, „müssen für die vielfältigen Herausforderungen der Zukunft gestärkt werden, denn nur so lassen sich kommende wirtschaftspolitische Umbrüche und Transformationen angemessen einordnen.“

Auch Studienautor Sagvosdkin von der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung zieht eine nachdenkliche Bilanz. „Vermutlich ist den wenigsten angehenden Wirtschaftsjournalist:innen bewusst, dass sie in ihrer Ausbildung in Deutschland statt einem fundierten, breitgefächerten ökonomischen Fachwissen überwiegend eine neoklassische Monokultur vermittelt bekommen. Eine Berichterstattung, die sich allein auf solche Expertise stützt, ist im besten Fall fachlich inadäquat, im schlechtesten Fall ist sie unabsichtlich politisch gefärbt.“

Stiftung und Autor bleiben aber nicht bei einer Beschreibung der Defizite stehen, sondern schlagen einen Mindeststandard für die Qualifizierung vor, der drei Bausteine umfasst: Die Vermittlung eines Überblicks- und Kontextwissens zur pluralen Ökonomik, die Förderung der Fähigkeit zur Meta-Reflexion über Ökonomik sowie die Thematisierung aktueller Vielfalts- und Pluralitätsdebatten in der Ökonomik und im Wirtschaftsjournalismus.

 

Valentin Sagvosdkin: Qualifiziert für die Zukunft? Zur Pluralität der wirtschaftsjournalistischen Ausbildung in Deutschland, OBS-Arbeitsheft 104, Frankfurt am Main 2021

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Arbeitsheft 104 als PDF-Datei

Kontakt:

Otto Brenner Stiftung
Geschäftsführer
Jupp Legrand
Telefon: 069 - 6693 2810
E-Mail: info(at)otto-brenner-stiftung.de
Twitter: @OBSFrankfurt
www.otto-brenner-stiftung.de 

Autor

Valentin Sagvosdkin
Institut für Ökonomie Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung
E-Mail: valentin.sagvosdkin(at)cusanus-hochschule.de
Twitter: @sagvosdkin
www.cusanus-hochschule.de 

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