Autoritäre Dynamiken

Alte Ressentiments - neue Radikalität

Erscheinungsdatum: 18. November 2020
Leipziger Autoritarismus-Studie 2020
Herausgeber: Elmar Brähler und Oliver Decker

Informationen zur Leipziger Autoritarismus-Studie 2020

Informationen zur Studie der Universität Leipzig

Zusammenfassung des Kapitels 4: „Beteiligung, Solidarität und Anerkennung in der Arbeitswelt als Stärkung der Demokratie“

Ergebnisse der Leipziger Autoritarismus-Studie 2020 (LAS 2020); siehe S. 119 – 147 (im Buch)

Zusammenfassung als pdf-Download

Am 18. November wurde die neue Leipziger Autoritarismus Studie (LAS) 2020 veröffentlicht. Die zunächst als »Mitte«-Studien der Universität Leipzig bekannt gewordene Untersuchungsreihe erhebt seit 2002 repräsentativ die Verbreitung autoritärer und rechtsextremer Einstellungen in Deutschland. Seit 2016 wird die Untersuchung von der OBS gefördert; 2020 wieder zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung und der Uni Leipzig. Auf Vorschlag und Drängen der OBS wurde das Konzept der „Industrial Citizenship“ (IC) aufgenommen. Die Untersuchung 2020 richtet ihren Blick erstmalig auch auf Beteiligungserfahrungen im Betrieb und am Arbeitsplatz und stellt sie in Zusammenhang mit (anti-) demokratischen und rechtsextremen Einstellungen.

Was wurde untersucht – und was nicht?

Untersucht wurde dabei der Zusammenhang von subjektiven Erfahrungen mit betrieblicher Beteiligung und gesellschaftspolitischen Einstellungen von Individuen. Es geht somit um die alltäglichen Wahrnehmungen und gelebten Praktiken von Arbeitnehmer*innen. Dieser Ansatz erhebt jedoch nicht, woher sich die subjektiven Erfahrungen konkret ableiten. Sie können auf Erfahrungen mit der Arbeit von Betriebsräten und Gewerkschaften beruhen, aber auch auf anderen (ggf. nicht kodifizierten) Formen der Beteiligung. Die demokratische Qualität solcher real existierender institutioneller Arrangements im Umfeld der Befragten - bspw. auch die (Nicht)Existenz von Tarifbindungen - und deren Auswirkungen auf die (anti-) demokratischen Einstellungen der Befragten wurden somit nicht untersucht.

Vorgehen und konkrete Fragestellungen

Um die subjektive Wahrnehmung der Beteiligungsmöglichkeiten in der Arbeitswelt zu erheben, wurden für die LAS 2020 vier Items entwickelt [Die Befragten waren aufgefordert, sich auf einer fünfstufigen Skala von »trifft überhaupt nicht zu« (1) bis »trifft voll und ganz zu« (5) einzuordnen].

  1. „Ich fühle mich bei Entscheidungen im Arbeitsalltag übergangen“
    Das Item erfasst die Erfahrung von Beteiligung und die Anerkennung als mündiges Subjekt.
  2. „In meinem Betrieb kann ich offen über Betriebsräte und Gewerkschaften sprechen, ohne Nachteile befürchten zu müssen“
    Das Item erfasst die wahrgenommenen Beschränkungen bzw. Möglichkeiten von Beteiligung und Solidarität durch Institutionen kollektiver Interessensvertretung von Arbeitnehmer*innen.
  3. „Probleme oder Konflikte im Betrieb löse ich am besten gemeinsam mit den Kollegen und Kolleginnen“
    Das Item adressiert eine Kultur der Solidarität und des kollektiven Handelns im Betrieb.
  4. „Wenn ich in meinem Betrieb aktiv werde, kann ich etwas zum Positiven verändern“
    Dieses Item zielt auf Erfahrungen von Wirksamkeit und Durchsetzungsfähigkeit bei eigenem Engagement.

Anschließend wurde statistisch überprüft, ob es einen Zusammenhang zwischen den Antworten auf diese Fragen und einer rechtsextremen Weltsicht, der (Nicht)Befürwortung der Demokratie (als Idee, in ihrer grundgesetzlichen Ausprägung und als real-existierende Demokratie) und verschiedenen Gruppenabwertungen (Muslim- und Feindschaft gegenüber Geflüchteten, Abwertung von Langzeitarbeitslosen, Befürwortung traditioneller Frauenrollen) gibt. [Es wurde auch überprüft, ob ein Zusammenhang zwischen Gewerkschaftsmitgliedschaft und rechtsextremen und (anti)demokratischen Einstellungen besteht. Im Gleichklang mit vielen anderen Studien, konnte hier kein statistischer Zusammenhang (weder positiv noch negativ) festgestellt werden. Die Mitgliedschaft in der Institution allein sagt also wenig aus, vielmehr muss untersucht werden, welche konkreten Erfahrungen die Einzelnen tatsächlich machen.] Dabei wurden stets auch andere Faktoren (wie Ost/West, Bildung, Alter, Geschlecht und Einkommen) berücksichtigt.

Ergebnisse (I): Erfahrungen am Arbeitsplatz

Ein großer Teil der Befragten gibt an, gute Erfahrungen am Arbeitsplatz zu machen. So überwiegen die positiven Antworten bei jeder Frage deutlich: Nur 9,1% fühlen sich am Arbeitsplatz übergangen (Item 1) und 68% denken, dass sich Probleme am besten gemeinsam lösen lassen (Item 3).

  • Allerdings befürchten rund 29% Nachteile, wenn sie über Betriebsräte oder Gewerkschaften sprechen (Item 2), weitere 20% antworten mit „teils/teils“. Und jeder Fünfte (20%) sieht keine Möglichkeit durch eigenen Aktivität etwas verbessern zu können (Item 4), weitere 26% sehen dies teilweise so.

Ergebnisse (II): Demokratiebefürwortung

Die statistischen Berechnungen konnten zeigen: Erfahrungen von Beteiligung, Solidarität und Anerkennung in der Arbeitswelt gehen mit einer positiveren Einstellung zur Demokratie einher - und zwar auf allen Ebenen.

  • Die deutlichste Veränderung: Menschen mit positiver Beteiligungserfahrung im wesentlichen Lebensbereich der Arbeitswelt sind eher mit der Demokratie, »so wie sie tatsächlich funktioniert«, zufrieden.

Ergebnisse (III): Gruppenabwertungen

Positive Beteiligungserfahrungen im Arbeitsleben gehen mit einer signifikant geringeren Abwertungsbereitschaft gegenüber Muslimen und Geflüchteten einher und schmälern das Bedürfnis, Frauen in klassische Rollenverteilungen zu drängen.

  • Aber: Die Abwertung von Langzeitarbeitslosen verändert sich nicht!

Ergebnisse (IV): Rechtsextremismus

Wer „Industrial Citizenship“ erfährt, lehnt rechtsextreme Positionen verstärkt ab.

  • Aber: Während fast alle Elemente und Dimensionen des Rechtsextremismus – die Verharmlosung des Nationalsozialismus, die Befürwortung einer Diktatur, Ausländerfeindlichkeit, Sozialdarwinismus und Antisemitismus - durch Beteiligungserfahrungen im Betrieb geschmälert werden, bleibt die Zustimmung zu chauvinistischen Positionen davon unberührt!

Fazit

Industrial Citizenship erweist sich als wichtiger protektiver Faktor für demokratische Orientierungen. Erfahrungen »demokratischer Selbstwirksamkeit« können Tendenzen zu kompensatorischer Abwertung Anderer – zumindest entlang rassistischer oder sexistischer Linien - entgegenwirken. Was das für die konkrete Kultur der Mitbestimmung bedeutet und wie sich die erhobenen subjektiven Erfahrungen enger mit bestehenden institutionellen Arrangements verknüpfen lassen, muss zukünftig noch (mit) erforscht werden.

(Otto Brenner Stiftung: Benedikt Linden, Jupp Legrand)

Leipziger Autoritarismus-Studie 2020 online lesen

Was taugt der eingesetzte Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung? Haben alle Aussagen wirklich rechtsextremen Inhalt?

Seit 2002 werden in unserem Auftrag bevölkerungsrepräsentative Erhebungen (FAQ 3) im gesamten Bundesgebiet durchgeführt. Kernstück jeder Befragung ist der Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung. Er bildet die rechtsextreme Einstellung in sechs Dimensionen ab (Chauvinismus, Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus, NS-Verharmlosung).

Um Statements für einen Fragebogen zu entwickeln, hat man zwei Möglichkeiten: Zum einen kann man selbst Aussagen bilden. So sind wir in der LAS 2020 mit dem erweiterten Fragebogen zum Antisemitismus oder dem neuen Fragebogen zum Antifeminismus vorgegangen. Nachdem die Befragung abgeschlossen ist, wird auch überprüft, ob die Aussagen den Inhalt, den wir anstreben, erfassen – die Sozialforschung spricht hier von der Validität. Dies passiert, in dem der Zusammenhang mit bewährten Fragebögen überprüft wird: So wurde beispielsweise der Fragebogen zum Antifeminismus mit dem zum Sexismus und der neue Fragebogen zum israelbezogenen Antisemitismus mit den Antworten zum tradierten Antisemitismus verglichen.

Oft werden aber auch Items aus bereits entwickelten Fragebögen herangezogen. Der Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung ist das Ergebnis einer Konferenz führender Politikwissenschaftler, die sich auf die Konstruktion eines Fragebogens verständigten. Hierfür wurden eben auch Aussagen herangezogen, die bereits in anderen Untersuchungen eingesetzt wurden und immer noch werden. Die Items sind zum Teil in der „Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften“, der sogenannten Sinus-Studie von Anfang der 1980er-Jahre, aber auch in internationalen Vergleichsuntersuchungen ähnlich oder im Wortlaut verwendet worden. So ist etwa unsere Aussage „Wir sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben“ der im ALLBUS verwendeten identisch. Dasselbe gilt auch für andere Aussagen: „Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet“ oder „Ohne die Judenvernichtung würde man Hitler heute als einen großen Staatsmann ansehen“.

Fragebögen werden zudem nur nach statistischer Überprüfung eingesetzt. Es gibt in der empirischen Sozialforschung statistische Indikatoren für die Güte eines Fragebogens. So soll sichergestellt werden, dass alle Aussagen, von denen der Forscher behauptet, sie würden ein Konstrukt messen, auch wirklich einheitlich beantwortet werden. Wenn wir also sagen, dass alle Aussagen ein Konstrukt messen – in unserem Fall rechtsextreme Einstellung –, dann müssen die einzelnen Probanden in der Tendenz gleichbleibend über die Aussagen hinweg jeweils hoch oder niedrig bewerten (ablehnen oder zustimmen). Mit einem Gesamtomega von .96 kann die interne Konsistenz des Fragebogens als exzellent eingestuft werden (Heller, Brähler & Decker 2020, 161/162). Wer der Aussage „Die Juden haben etwas Eigentümliches an sich und passen nicht so Recht zu uns“ zustimmend beantwortet, stimmt in der Tendenz auch der Aussage „Es gibt unwertes und wertvolles Leben zu“. So wissen wir auch durch die teststatische Überprüfung, dass wir mit jeder Aussage ein Konstrukt messen, in unserem Falle die rechtsextreme Einstellung.

Die Befragten können den Aussagen zustimmen oder sie ablehnen. Hierfür steht eine fünfstufige Skala zur Verfügung, wobei jeder Stufe ein Zahlenwert zugeordnet wird („lehne voll und ganz ab“ = 1, „lehne ab“ = 2, „lehne teils ab/stimme teils zu“ = 3, „stimme zu“ = 4, „stimme voll und ganz zu“ = 5). Diese Skalierung ermöglicht es den Befragten, die Aussagen abzulehnen, und sie ermöglicht uns, anschließend statistische Vergleiche durchzuführen (FAQ 15 – 22).

Halten Sie mich für rechtsextrem, wenn ich einer der Aussagen zustimme?

Nein, das tun wir nicht. Zum einen ist der Fragebogen nicht dafür da, eine Aussage über einzelne Personen zu treffen. Es werden in ähnlichen Untersuchungen zum Beispiel auch Fragebögen zur depressiven Belastungsschwere in der Bundesrepublik eingesetzt. Diese umfassen manchmal nur zwei Items, und natürlich würde in der psychotherapeutischen Praxis niemand auf Grundlage dieser zwei Antworten eine Depression behandelt. Aber Epidemiologen und Gesundheitspolitikerinnen bekommen Indikatoren über die Belastung in der Bevölkerung und auch über Zusammenhänge etwa mit soziodemographischen Merkmalen: Welche Bevölkerungsgruppe ist besonders betroffen? Kommt es zu einem erhöhten Risiko in bestimmten Regionen?

Nun ist die politische Einstellung keine Krankheit, aber dieser Vergleich vermittelt, worum es geht: Die Ausprägung und Entwicklung der politischen Einstellung in Deutschland – und nicht darum, die Frage zu beantworten, wer rechtsextrem ist und wer demokratisch.

Weiterhin wird das Ergebnis über die Verbreitung rechtsextremer Einstellung nicht wegen eines einzelnen Items gewonnen: Wir nutzen verschiedene Cut-Off-Werte, ab denen wir von einer manifesten Einstellung sprechen. Wer zum Beispiel allen drei Aussagen etwa zur Ausländerfeindlichkeit, zum Antisemitismus ecetera zustimmt, erreicht mindestens einen Wert von 12 (FAQ 4). Nur für diese Gruppe sprechen wir von einem prozentualen Anteil der Bevölkerung, der den Aussagen manifest zustimmt.

Sind 2.500 Befragte wirklich repräsentativ?

Über den Begriff einer repräsentativen Stichprobe gibt es immer wieder Verwirrung, wichtig ist vor allem ein Merkmal: Es muss eine kontrollierte Zufallsstichprobe sein, welche für die Untersuchung gewonnen wird. Eine Stichprobe wird als repräsentativ bezeichnet, wenn sie zufällig zustande kommt. Zufällig und repräsentativ sind hier gleichbedeutend. Hierfür muss sichergestellt sein, dass jedes Merkmal in der Bevölkerung die gleichen Chancen hat, in die Stichprobe einzugehen (Altersgruppen, Geschlecht, Bildungsgrade ecetera), weshalb es auf die Auswahl der Befragungsorte besonders ankommt. Das von uns beauftrage Meinungsforschungsinstitut USUMA ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Meinungsforschungsinstitute (ADM) und hat die jeweils aktuellen Netze zur Ortsauswahl für die Interviews in den Haushalten (FAQ 5). Damit liegen natürlich auch die Schwierigkeiten eines solchen Verfahrens auf der Hand: Kleine Bevölkerungsgruppen sind in der Stichprobe entsprechend ihres Anteils in der Bevölkerung vertreten; aufgrund der geringen Fallzahl kann über sie keine belastbare Aussage getroffen werden. Auch sind bestimmte Bevölkerungsgruppen für uns nicht erreichbar, wie etwa Patienten und Patientinnen in Krankenhäusern und Pflegeheimen, Strafgefangene oder bestimmte Berufsgruppen, zum Beispiel Seeleute. Auch mit diesen Einschränkungen, die wir im Übrigen bei der Interpretation berücksichtigen, erfüllt unsere Stichprobe das gültige Kriterium: Sie ist repräsentativ für die bundesdeutsche Wohnbevölkerung.

Warum fällt die Zahl der Menschen mit rechtsextremen Einstellungen so niedrig aus? Man hat doch den Eindruck, dass in den letzten Jahren die rechtsextremen Aktivitäten zunehmen, rechtsextreme Parteien erfolgreich sind und rechtsextrem motivierte Gewalt steigt. 

Die Werte geben nur einen Eindruck von dem Anteil der Menschen, die ihre politische Einstellung in unserer Untersuchung offen zeigen. Das ist nicht die Regel: Aufgrund der Erwartung, was als sozial erwünscht gilt und was von anderen eher als unpassend empfunden werden könnte, passen wir unsere Äußerungen im Alltag an. So ist es auch bei einer Fragebogenerhebung. Wir laufen daher einerseits Gefahr, die Verbreitung der rechtsextremen Einstellung zu unterschätzen. Andererseits deutet vieles darauf hin – unter anderem unsere Untersuchung von 2016 –, dass die Zahl der Menschen mit einer rechtsextremen Einstellung nicht deutlich angestiegen ist. Viel mehr haben sich die Bevölkerungsteile, welche wir schon seit 2002 als antidemokratisch eingestellt beschrieben haben, radikalisiert. Sie hängen nicht mehr nur Ideologien der Ungleichwertigkeit an, sondern sie handeln nun auch so und sehen sich selbst zu gewaltvollen Handlungen legitimiert oder wählen rechtsextreme Parteien. Weiterhin bleibt aber immer eine große Aufmerksamkeit geboten, denn unser Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung umfasst nur sechs Dimensionen. Ziehen wir zur Ergänzung die Ressentiments gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen wie etwa Muslime oder Sinti und Roma heran, wird deutlich, dass die Ideologie der Ungleichwertigkeit unterschiedliche Menschen zum Hassobjekt haben kann (FAQ 12).

Warum unterscheiden sich die Daten der LAS von den Ergebnissen der FES-Mitte-Studie?

Die beiden Untersuchungsreihen nutzen mit unserem Leipziger Fragebogen zur Rechtsextremen Einstellung dasselbe Forschungsinstrument (FAQ 1). Es steht im Zentrum, weil seit 2002 von uns die rechtsextreme Einstellung in Deutschland, ihre Verbreitung und die Stärke ihrer Ausprägung gemessen wird. Darüber hinaus werden von der LAS- und der FES-Studiengruppe in jedem Jahr zusätzliche Fragebögen aufgenommen, mit denen besondere politische Situationen erfasst werden sollen, etwa die Radikalisierung und Polarisierung mittels Fragebögen zum Vertrauen in gesellschaftspolitische Institutionen und die Gewaltbereitschaft in der LAS 2016 (mehr dazu).

Die Unterschiede sind also nicht den Fragebögen geschuldet, sondern der Erhebungsmethoden, die von den Studiengruppen gewählt werden: Für die LAS wird seit 2002 alle zwei Jahre eine repräsentative Erhebung in den Haushalten durchgeführt (FAQ 3); hierfür werden nach etablierten Methoden im gesamten Bundesgebiet Orte ausgesucht, in denen die Interviewer und Interviewerinnen Haushalte aufsuchen und dort nach einem Zufallsprinzip Befragte auswählen. Diese bekommen den Fragebogen mit den politischen Einstellungsfragebögen ausgehändigt, füllen ihn selbst aus und übergeben diesen danach den Interviewenden – bei Wunsch auch in einem Umschlag. Mit diesem Vorgehen gelingt es, in etwas mehr als der Hälfte der angesteuerten Haushalte Personen zur Teilnahme an der Untersuchung zu gewinnen. Da die Teilnehmenden den Fragebogen selbst ausfüllen, ist die Bereitschaft, seine eigene Sicht und teilweise intime Details preiszugeben, hoch. Die FES-Studienreihe basiert seit 2014 auf Telefonbefragungen. Auch dieses Verfahren ist repräsentativ (FAQ 3), es werden nach einem Zufallsprinzip Telefonteilnehmerinnen und -teilnehmer angerufen und gebeten, an der Erhebung teilzunehmen. Dann werden ihnen am Telefon die Aussagen des Fragebogens vorgelesen und sie werden gebeten, ihre Zustimmung einzuschätzen. An Telefonbefragungen nehmen etwa 20 Prozent der Angerufenen tatsächlich teil. In diesen Telefoninterviews fällt die Zustimmung zu vielen Aussagen geringer aus, da die Menschen intime, unangenehme oder auch sozial geächtete Ansichten einer fremden Person am Telefon nicht so offen zugeben. Dadurch unterscheiden sich die Werte zwischen den beiden Studienreihen. Beide sind aber nach dem wissenschaftlichen Goldstandard durchgeführt. Beim Vergleich der Ergebnisse seit 2002 sollten die Verläufe der LAS herangezogen werden, da durch den Wechsel in der FES-Mitte-Studie die Erhebungsmethode zwischen 2012 und 2014 wechselte.

Sind auch ausländische Personen und Personen mit Migrationshintergrund befragt worden?

Durch das Zufallsverfahren gehen in die LAS seit 2002 alle Menschen in die Erhebung ein, die sich zur Teilnahme bereit erklären. Wir befragen in Deutschland ansässige Menschen mit und ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Seit 2012 wird der Migrationshintergrund erfragt; ab diesem Zeitpunkt kann also auch zwischen den verschiedenen Gruppen und ihren politischen Einstellungen unterschieden werden. Wir sprechen bei jenen Personen von einem Migrationshintergrund, wenn eine eigene Wanderungsbewegung vorliegt oder mindestens ein Elternteil nach Deutschland zugewandert ist.

Bis 2018 haben wir die Ergebnisse in unserem Veröffentlichungen für die Menschen berichtet, welche die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Dabei gingen wir davon aus, dass man Deutscher durch Einbürgerung und nicht etwa durch Vererbung wird. Wir berücksichtigten aber nicht jene Befragten, welche keine deutsche Staatsbürgerschaft besaßen. Diese Praxis haben wir mit der LAS 2020 geändert: Die Werte beziehen sich nun auf die gesamte Wohnbevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland. Damit vollziehen wir nach, dass sich auch das Verständnis in der Mehrheitsgesellschaft verändert hat. Die Neuberechnung führt zu kleineren Veränderungen bei den veröffentlichten Prozentwerten in den Berichten der vergangenen Jahre. Diese liegen aber in der Regel im Nachkommabereich.

Bei der Befragung von Personen mit Migrationshintergrund stellen sich allerdings besondere Herausforderungen. So erreichen wir in einer Erhebung, die in deutscher Sprache durchgeführt wird, auch nur jene Migrantinnen und Migranten, die diese sprechen. Dadurch kann es auch zu Verzerrungen kommen. Allerdings haben wir im Rahmen des Berlin-Monitors unseren Fragebogen in die sechs am häufigsten in Berlin gesprochenen Sprachen übersetzt und die Interviews von Muttersprachlern durchführen lassen. Dabei kam es zu keinen deutlichen Unterschieden zu den bisherigen Erhebungen (Pickel, Reimer-Gordinskaya & Decker 2019).

Machen Sie nicht Auftragsforschung und können dann die Ergebnisse überhaupt wissenschaftlich neutral sein?

Grundsätzlich: Die Forschung in der Bundesrepublik wird zu einem großen Teil durch Forschungsförderung, sogenannte Drittmittel, möglich. Sie können bei Stiftungen, dem Bundesforschungsministerien, der Deutschen Forschungsgemeinschaft und anderen Einrichtungen der Forschungsförderung beantragt werden. Die finanzielle Unterstützung wird erst nach einem Antrag gewährt, und viele Forscherinnen und Forscher sind zur Umsetzung ihrer Projekte auf solche Förderung angewiesen. In einem Antrag wird der Forschungsstand, die Forschungslücken, darauf aufbauend die Forschungsfragestellungen und das Untersuchungsdesign beschrieben. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind frei in der Formulierung des Antrags, wie auch keine Einflussnahme auf den Forschungsprozess erfolgt. Die forschungsfördernde Stelle erhält nach Abschluss einen Forschungsbericht über das Projekt, auf den sie aber keinen Einfluss hat. Die Freiheit von Forschung und Lehre ist uns ein hohes Gut und wir wissen, dass es auch immer verteidigt werden muss.

Mit Blick auf die Leipziger Autoritarismus Studien gilt: Wir haben seit 2002 verschiedene Stiftungen für eine Forschungskooperation gewinnen können. Dafür war in jedem Jahr ein Antrag notwendig, wie er oben beschrieben wurde. Kooperation zwischen den Stiftungen und der Universität meint, dass nur ein Teil der Mittel von den forschungsfördernden Stiftungen kommt, ein Teil – und in manchen Jahren auch die gesamte Finanzierung – erfolgt durch die Universität Leipzig. Zum Ende einer jeden Kooperation wird ein Forschungsbericht vorgelegt, der auch gleichzeitig der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Die Forschungsgruppe um Oliver Decker und Elmar Brähler ist unabhängig von der Einflussnahme durch die kooperierenden Stiftungen, alle Seiten entscheiden jeweils auf Grundlage des Antragsverfahrens, ob eine Kooperation bei der nächsten Erhebung in Betracht kommt.

Warum ist Muslimfeindschaft nicht dabei, wenn Antisemitismus dabei ist?

Die Muslimfeindschaft wird in der LAS seit 2014 mit erhoben. Sie wurde zusammen mit Fragebögen zur Abwertung von Sinti und Roma, Schwulen und Lesben oder Asylbewerberinnen und -bewerbern aufgenommen, um die autoritären Aggressionen gegenüber verschiedenen Bevölkerungsgruppen bestimmen zu können. Auch Fragebögen zum Sexismus und Antifeminismus gehören zu unserer Untersuchung dazu. Dabei kommen aber nicht alle Fragebögen in jeder Untersuchung zum Einsatz, sondern mit gewissen Zeitabständen. Wegen des zunehmenden Hasses, welcher sich insbesondere auf Sinti und Roma und Muslime richtet, sind die Fragebögen zum Antiziganismus und zur Muslimfeindschaft seit 2014 in jeder Erhebung dabei.

Trotzdem nimmt aus unserer Sicht der Antisemitismus eine besondere Position im Rechtsextremismus ein. Zum einen sind wir als Deutsche wegen des Vernichtungskriegs, der von Nazi-Deutschland gegen Jüdinnen und Juden geführt wurde, in einer besonderen Verantwortung. Die Shoah und der eliminatorische Antisemitismus zeigen zum anderen, dass das Ressentiment gegen Juden und Jüdinnen sich in seiner politischen und psychischen Funktion fundamental vom autoritären Hass gegen andere Menschen unterscheidet. Antisemitismus ist eine mit der Entwicklung der Moderne auf das engste verbundene, anti-moderne Ideologie. So äußern sich im Antisemitismus nicht nur Projektionen oder Eigengruppenaufwertung durch Abwertung von Anderen, sondern er ist Ausdruck einer latenten Aufstandsbereitschaft gegenüber der Moderne und ihrer Antinomien. Wegen der psychischen Funktion des Antisemitismus ist er dem Einzelnen nichts äußerliches, also keine von Propaganda oder von oben verordnete Ideologie, sondern bedürfnisgetrieben. Deshalb sucht sich der Antisemitismus immer wieder wechselnde Ausdrucksmöglichkeiten, wenn soziale Sanktionen seine offene Artikulation verbieten (FAQ 12).

Warum wird Rassismus nicht abgefragt?

Diese Frage führt in die wissenschaftliche Debatte um Begriffe und diese wollen wir hier nicht führen. Aber doch die Frage stellen: Was meinen wir, wenn wir von Rassismus sprechen? Der Sozialpsychologe Detlev Claussen beantwortet nach Sichtung einschlägiger Texte zur Rassenlehre, also den Selbsteinlassungen von Rassisten, fest: „Eine befriedigende Definition des Begriffs Rassismus gibt es nicht.“ (Claussen 1994, 2) Was auch immer sich in den Texten fand, es diente vor allem der Absicht, „ein praktisches Programm rücksichtsloser Gewalt – von Unterdrückung, Diskriminierung, Verfolgung, Vertreibung und Massenmord – zu legitimieren“ (ebd., 3). Er spricht vom „Mythos Rasse“ und seiner Funktion, Gewalt zu legitimieren – welcher Erscheinungsform auch immer. Was Claussen als Mythos bezeichnet, kann auch als Ideologie der Ungleichwertigkeit bezeichnet werden, sie tritt beim Individuum als rechtsextreme Einstellung zu Tage (vgl. Decker & Brähler 2020, 31). Die autoritäre Aggression kann sich gegen Frauen, Migranten und Migrantinnen, Sinti und Roma, Juden und Jüdinnen, Muslime richten. Kurz: mit der Ideologie der Ungleichwertigkeit und ihrer politischen und psychischen Funktion der Legitimation von Gewalt untersuchen wir den grassierenden Rassismus in der Gesellschaft.

Warum wird der Linksextremismus nicht ebenfalls untersucht? Ist die LAS auf dem linken Auge blind?

Wir beschäftigen uns mit den Bestrebungen, die sich gegen eine liberale und plurale Demokratie richten. Gegenwärtig sehen wir dafür im Rechtsextremismus die größte Gefahr. Diese Entwicklung gilt nicht nur in Deutschland, sondern verdeutlicht sich auch im internationalen Vergleich: Autoritäre Forderungen und autoritäre Führerfiguren mobilisieren viele Menschen gegen die Demokratie. Seit etlichen Jahren sehen wir diese Bedrohung auch in Deutschland, wie sowohl die Wahlergebnisse rechtsextremer Parteien als auch Gruppierungen wie die später als „NSU“ bekannt gewordene Terrorgruppe „Zwickauer Zelle“ oder Ereignisse wie in Chemnitz 2018 verdeutlichen. Es gibt in West- und Ostdeutschland verfestigte rechtsextreme Strukturen. Gerade durch den lange Zeit fast reflexhaften Verweis auf einen Linksextremismus wurde das Erstarken der extremen Rechten ermöglicht, sie konnten sich in ihrem Handeln legitimiert fühlen. Spätestens der Rechtsterrorismus, die Gewalttaten und Brandanschläge gegen Flüchtlingsunterkünfte 2015 und 2016, aber auch die Attentate von Hanau oder Halle, brachten in der Bevölkerung ein Umdenken. Es wäre falsch, jetzt in alte Verhaltensmuster zurückzufallen und gleiches Augenmerk auf den Linksextremismus zu fordern. Die Bedrohung ist derzeit nicht gleich groß. Die Verschwörungsmythen machen dieses Problem für jeden sichtbar. Es ist eine unangenehme Wahrheit, dass es der extremen Rechten gegenwärtig besonders gut gelingt, an die anti-modernen Themen in der Mitte der Gesellschaft anzuknüpfen. Dem müssen wir uns stellen.

Wie steht es um die politische Einstellung von Migrantinnen und Migranten? Möglicherweise finden sich in bestimmten Einwanderungsgruppen viel stärkerer Antisemitismus oder Demokratieablehnung.

Zunächst einmal gehören auch Migrantinnen und Migranten zur deutschen Bevölkerung. Und zum Zweiten handelt es sich bei Migrantinnen und Migranten nicht um eine so homogene Gruppe, wie es im deutschen Mehrheitsdiskurs erscheint: Aus welchem Land die Zuwanderung erfolgte, welche Gründe zum Wechsel des Lebensmittelpunkts führten, das unterscheidet sich sehr deutlich – und das gilt nicht zuletzt auch für die politische Einstellung. Für unsere Untersuchung wird der der Stichprobe entsprechende Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund befragt, aber die politischen Einstellungen fallen trotzdem sehr unterschiedlich aus. So ist zum Beispiel die Fiktion, der Antisemitismus sei vor allem importiert worden, nicht zu halten. Man kann allerdings feststellen, dass manche Erscheinungsformen des Antisemitismus bei Migrantinnen und Migranten häufiger anzutreffen sind, andere seltener (FAQ 12). Für eine weitere Aufteilung der befragten Personen mit Migrationshintergrund, zum Beispiel nach Herkunftsland, ist aber wiederum eine Stichprobe von 2.500 Befragten zu klein. Der Anteil entspricht, eben wegen des repräsentativen Samples (FAQ 3), dem Anteil in der Bevölkerung. Um auch für kleinere Bevölkerungsgruppen belastbare Aussagen treffen zu können, müssten ihre Anteile in unserer Stichprobe überproportional angehoben werden. Das ist möglich, setzt jedoch deutlich mehr finanzielle Mittel für Forschung voraus (FAQ 7).

Wieso wird der israelbezogene Antisemitismus nicht umfassender abgefragt?

Seit den 1980er-Jahren ist der Antisemitismus in der Bundesrepublik immer deutlicher zu einem sozial geächteten Ressentiment geworden. Da der Antisemitismus aber einem Bedürfnis folgt, dass befriedigt werden muss, sucht er sich andere Ausdrucksformen (FAQ 8). In ihrem Buch „Dialektik der Aufklärung“ stellten die Sozialphilosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno fest: „Es gibt keine Antisemiten mehr“. Damit meinten sie allerdings nur, dass die Zahl der offen bekennenden Antisemiten nach der Shoah sehr viel kleiner geworden ist. Keinesfalls glaubten sie, dass der Antisemitismus verschwunden ist. Die hier gestellte Frage setzt wahrscheinlich an dieser Beobachtung und auch an der Erkenntnis an, dass das Ressentiment gegen Juden und Jüdinnen seinen Ausdruck in der Umwegkommunikation sucht und findet: im Antiamerikanismus, in der Rede über das „Finanzkapital“, in Verschwörungsmythen, in der Esoterik. Gerade in der Gegenwart sehen wir, wie eng zum Beispiel die Verschwörungsmythen und der Antisemitismus verbunden sind, wie ganz alte Motive des Antisemitismus wieder mit neuer Radikalität vorgetragen werden. Die QAnon-Bewegung mit ihren Vorstellungen von Kindesopfer, fremden Eliten und der Erwartung einer übermächtigen Heilsfigur kann hierfür als Beispiel dienen. Aber auch mildere Formen zeugen von der Wirksamkeit des Ressentiments, etwa wenn bei „Querdenker“-Demonstrationen Schilder getragen werden, auf den steht „Ich bin ein Covid-Jude“. In dieser Form der Täter-Opfer-Umkehr zeigt sich ein spezifisch deutscher Antisemitismus, der Schuldabwehrantisemitismus. Er wurde zum ersten Mal Ende der 1950er-Jahre als Vermischung von tradiertem Antisemitismus und Schuldabwehr bei den Kindern der Täterinnen und Täter, Mitläuferinnen und Mitläufer beschrieben. Eine weitere Erscheinungsform ist nun der israelbezogene Antisemitismus: Er kann auch als Brückenideologie bezeichnet werden, weil er anti-moderne Bewegungen unterschiedlicher ideologischer Prägung miteinander verbindet. Wie die Verschwörungsmythen so ist auch der israelbezogene Antisemitismus ein Code, an dem sich diese sich gegenwärtig formierenden politischen Kräfte erkennen: Ob sie Islamisten oder Neo-Nazis sind, die Grenzen sind an dieser Stelle durchlässig. Deshalb haben wir auch oft den israelbezogenen Antisemitismus erfragt, in der LAS 2020 taten wir dies mit drei Items: zum Beispiel „Durch die israelische Politik werden mir die Juden immer unsympathischer“, dem bundesweit 14 Prozent der Befragten manifest und 30 Prozent latent zustimmen können. Wir konnten zudem zeigen, dass israelbezogener Antisemitismus tatsächlich ein Kernelement des Antisemitismus in der Bundesrepublik ist und mit Kritik an der Politik der israelischen Regierung nichts zu tun hat. In jedem Fall sind wir in der LAS, wie bei allen großen Reihenuntersuchungen, darauf angewiesen, möglichst zeitökonomische Fragebögen einzusetzen: Also ein Phänomen mit möglichst wenig zeitlichem Aufwand zu messen (FAQ 1). Deshalb können wir auch den israelbezogenen Antisemitismus nicht umfänglicher erfassen.

Sind die Statements nicht pauschalisierend? Ist es deshalb nicht unmöglich, sich zu positionieren?

An dieser Stelle kann ein Zitat verdeutlichen, wie die Messung von Ressentiments und Abwertung funktioniert. In der Internetzeitung "Tichys Einblick" bringt Frau Halefeldt den Einwand vor, für den Befragten sei es „auch nicht so einfach, sich (...) klar zu positionieren“. Beispielhaft führt sie Folgendes aus: „Das in der Forschung gern verwendete, leicht verschlungene Statement zum ‚subtileren‘ israelbezogenen Antisemitismus ‚Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat‘ vermengt Haltungen zu ‚den Juden‘ weltweit mit konkreter Jerusalemer Regierungspolitik.“ Die Autorin beschreibt es und bemerkt doch gleichzeitig nicht, wie das Ressentiment gegen „den Juden“ scheinbar legitim geäußert werden kann, weil man es als Regierungskritik rationalisiert. Das Statement enthält diesen Widerspruch, weil dieser zum Ressentiment gehört: es kommt durch die Umwegkommunikation zum Vorschein (FAQ 12). Die „Vermengung“ von „‚den Juden‘ weltweit“ mit einer nationalen Regierung ist selbst das antisemitische Ressentiment. Das zeigt auch die hohe Korrelation (FAQ 15) zum tradierten Antisemitismus. Wer dort hohe Werte hat, stimmt auch hier zu (FAQ 1). Die Befragten haben es dabei einfach: Sie können ein pauschalisierendes, antisemitisches Ressentiment ablehnen. Tuen sie das nicht, sondern äußern sich teils zustimmend und teils ablehnend oder sogar zustimmend, dann teilen sie diese antisemitische Verknüpfung von israelischer Regierungspolitik mit „den Juden“. Mit Logik haben Ressentiments meist nichts zu tun.

Was bedeutet es, wenn unter einer Abbildung „p < .01“ steht oder „Signifikanz“ und „statistisch bedeutsam“?

Wenn ein Ergebnis statistisch bedeutsam ist, dann ist der gefundene Unterschied statistisch nicht zufällig. So kann ein Unterschied zwischen zwei Mittelwerten oder der prozentualen Ausprägung in einer Gruppe, auch nicht statistisch bedeutsam sein. Für diesen Befund wird eine Irrtumswahrscheinlichkeit angegeben. Diese Irrtumswahrscheinlichkeit wird auch Signifikanzniveau genannt. Die Angabe, wie groß die Irrtumswahrscheinlichkeit ist, wird durch die Angabe p < .05, p < 01 oder p < .001 angegeben. Die geringste Irrtumswahrscheinlichkeit ist p < .001. Dieser Wert ist so zu lesen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass der Unterschied fälschlicherweise als bedeutsam betrachtet wird, unter 5 Prozent (p < .05), unter 1 Prozent (p < 01) oder unter 0,1 Prozent (p < .001) liegt. Die statistische Bedeutsamkeit kann beispielweise mit einem T-Test, einem Chi-Quadrat-Test oder einem Mann-Whitney-U-Test untersucht werden. Die Wahl des Tests hängt davon ab, ob Mittelwerte miteinander verglichen werden (T-Test), die Verteilung von Merkmalen, wie der prozentuale Anteil (Chi-Quadrat-Test) oder andere Maße der zentralen Tendenz (Mann-Whitney-U-Test) verglichen werden.

An manchen Stellen werden in der Veröffentlichung Korrelationen angegeben. Wie kann ich diese Zahl verstehen?

Die Korrelation beschreibt die Enge des linearen Zusammenhangs zwischen zwei Merkmalen mit dem Wertebereich von -1 bis +1, wobei +1 ein perfekt positiver Zusammenhang ist. Das ist so zu verstehen, dass, wenn ein Merkmal a vorliegt, immer auch das Merkmal b vorliegt. Bei dem Wert 0 besteht kein linearer Zusammenhang zwischen zwei Variablen: Wenn a vorliegt, ist b nicht gegeben. Dieser Zusammenhang muss statistisch bedeutsam sein, um interpretiert zu werden. Ob eine Ursache zwischen a und b besteht und in welche Richtung ein kausaler Zusammenhang angenommen werden kann, darüber gibt die Korrelation keine Auskunft.

Was ist gemeint, wenn ein T-Test durchgeführt wird?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Gruppen in ihren Merkmalen zu untersuchen. Dieser statistische Test vergleicht die Mittelwerte zwischen maximal zwei Gruppen. Die Daten müssen sich als Mittelwert ausdrücken lassen, was ein bestimmtes Skalenniveau voraussetzt (FAQ 1). Das ist etwa bei Geschlecht, Parteipräferenzen oder Bundesland nicht möglich, da bspw. aus dem Geschlecht kein Mittelwert gebildet werden kann (FAQ 17). Möglich ist ein T-Test bei der Ausprägung des Rechtsextremismus im Vergleich zweier Gruppen, da der Rechtsextremismus mit dem vorliegenden Instrument zu einem Mittelwert je Gruppe zusammen gezogen werden kann. Es müssen Voraussetzungen für diesen Test erfüllt sein (FAQ 18), liegen sie nicht vor, können zum Beispiel die Mediane als weiteres Maß zum Vergleich der Gruppen herangezogen werden (Mann-Whitney-U-Test). Wird der prozentuale Anteil an Rechtsextremen in den Bundesländern beschrieben, liegen zwei Gruppen vor (Rechtsextreme, Nicht-Rechtsextreme), die nicht als Mittelwert beschrieben werden können. Bei dem Vergleich von mehr als zwei Gruppen wird eine Varianzanalyse verwendet.

Was sagt ein Chi-Quadrat-Test aus?

Anders als beim T-Test (FAQ 16), bei dem Mittelwerte zwischen zwei Gruppen verglichen werden, wird bei einem Chi-Quadrat-Test die Verteilung eines Merkmals zwischen verschiedenen Gruppen untersucht. Es wird dabei verglichen, ob ein Merkmal wie zum Beispiel Ausländerfeindlichkeit in einer Gruppe häufiger anzutreffen ist, als in den anderen. Dafür wird dann die Dateninformation reduziert, in dem ein Grenzwert für die Gruppenbildung genutzt wird.

Warum wird an manchen Stellen die Varianz angegeben?

Die Summe der quadrierten Abweichungen aller Messwerte vom Mittelwert geteilt durch die Anzahl aller Messwerte ergibt die Varianz. Man kann eine Untersuchungsgruppe wie die Befragten mit einem Mittelwert beschreiben. Diese Beschreibung kann um die durchschnittliche Abweichung vom Mittelwert ergänzt werden. Dann erfährt man, wie gut der Mittelwert die Ausprägung dieses Merkmals in der Gruppe beschreibt. Ist die Abweichung groß, dann beschreibt der Mittelwert die Stichprobe weniger gut und es kann zum Beispiel kein T-Test (FAQ 16) gerechnet werden. Die Varianz gewichtet durch die Quadrierung große Abweichungen vom Mittelwert stärker, dadurch wird deutlicher, wenn eine Stichprobe nur unzureichend mit dem Mittelwert beschrieben wird.

Was taugt der eingesetzte Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung? Haben alle Aussagen wirklich rechtsextremen Inhalt?

Seit 2002 werden in unserem Auftrag bevölkerungsrepräsentative Erhebungen (FAQ 3) im gesamten Bundesgebiet durchgeführt. Kernstück jeder Befragung ist der Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung. Er bildet die rechtsextreme Einstellung in sechs Dimensionen ab (Chauvinismus, Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus, NS-Verharmlosung).

Um Statements für einen Fragebogen zu entwickeln, hat man zwei Möglichkeiten: Zum einen kann man selbst Aussagen bilden. So sind wir in der LAS 2020 mit dem erweiterten Fragebogen zum Antisemitismus oder dem neuen Fragebogen zum Antifeminismus vorgegangen. Nachdem die Befragung abgeschlossen ist, wird auch überprüft, ob die Aussagen den Inhalt, den wir anstreben, erfassen – die Sozialforschung spricht hier von der Validität. Dies passiert, in dem der Zusammenhang mit bewährten Fragebögen überprüft wird: So wurde beispielsweise der Fragebogen zum Antifeminismus mit dem zum Sexismus und der neue Fragebogen zum israelbezogenen Antisemitismus mit den Antworten zum tradierten Antisemitismus verglichen.

Oft werden aber auch Items aus bereits entwickelten Fragebögen herangezogen. Der Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung ist das Ergebnis einer Konferenz führender Politikwissenschaftler, die sich auf die Konstruktion eines Fragebogens verständigten. Hierfür wurden eben auch Aussagen herangezogen, die bereits in anderen Untersuchungen eingesetzt wurden und immer noch werden. Die Items sind zum Teil in der „Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften“, der sogenannten Sinus-Studie von Anfang der 1980er-Jahre, aber auch in internationalen Vergleichsuntersuchungen ähnlich oder im Wortlaut verwendet worden. So ist etwa unsere Aussage „Wir sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben“ der im ALLBUS verwendeten identisch. Dasselbe gilt auch für andere Aussagen: „Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet“ oder „Ohne die Judenvernichtung würde man Hitler heute als einen großen Staatsmann ansehen“.

Fragebögen werden zudem nur nach statistischer Überprüfung eingesetzt. Es gibt in der empirischen Sozialforschung statistische Indikatoren für die Güte eines Fragebogens. So soll sichergestellt werden, dass alle Aussagen, von denen der Forscher behauptet, sie würden ein Konstrukt messen, auch wirklich einheitlich beantwortet werden. Wenn wir also sagen, dass alle Aussagen ein Konstrukt messen – in unserem Fall rechtsextreme Einstellung –, dann müssen die einzelnen Probanden in der Tendenz gleichbleibend über die Aussagen hinweg jeweils hoch oder niedrig bewerten (ablehnen oder zustimmen). Mit einem Gesamtomega von .96 kann die interne Konsistenz des Fragebogens als exzellent eingestuft werden (Heller, Brähler & Decker 2020, 161/162). Wer der Aussage „Die Juden haben etwas Eigentümliches an sich und passen nicht so Recht zu uns“ zustimmend beantwortet, stimmt in der Tendenz auch der Aussage „Es gibt unwertes und wertvolles Leben zu“. So wissen wir auch durch die teststatische Überprüfung, dass wir mit jeder Aussage ein Konstrukt messen, in unserem Falle die rechtsextreme Einstellung.

Die Befragten können den Aussagen zustimmen oder sie ablehnen. Hierfür steht eine fünfstufige Skala zur Verfügung, wobei jeder Stufe ein Zahlenwert zugeordnet wird („lehne voll und ganz ab“ = 1, „lehne ab“ = 2, „lehne teils ab/stimme teils zu“ = 3, „stimme zu“ = 4, „stimme voll und ganz zu“ = 5). Diese Skalierung ermöglicht es den Befragten, die Aussagen abzulehnen, und sie ermöglicht uns, anschließend statistische Vergleiche durchzuführen (FAQ 15 – 22).

Worüber geben Beta-Gewichte Auskunft?

Sie geben den Anteil der aufgeklärten Varianz (FAQ 18) an eines Konstrukts an, wie zum Beispiel rechtsextreme Einstellung, durch den jeweiligen Einflussfaktor im Vergleich zu den anderen verwendeten Einflussfaktoren an. Dieser Wert ist aber im Kontext des R² zu interpretieren (FAQ 21).

Wofür wird eine Varianzanalyse durchgeführt?

Mit der Varianzanalyse können die Faktoren untersucht werden, die dafür verantwortlich sind, dass es eine Abweichung vom Mittelwert gibt (FAQ 18). So kann beschrieben werden, warum sich Menschen unterscheiden. Es wird als Ergebnis angegeben, wie viel der Abweichung vom Mittelwert durch ein oder mehrere andere Merkmale verursacht wird. So kann eine Abweichung vom Mittelwert des Rechtsextremismusfragebogens (FAQ 1) untersucht werden, um herauszufinden, ob etwa das Deprivationserleben die höheren oder niedrigeren Werte erklärt. Es wird dann ein Prozentwert angegeben, der angibt, wieviel von der Abweichung diesem Merkmal geschuldet ist. Diesen Wert nennt man Varianzaufklärung.

Vorstellung der Studie am 18.11.2020 in der Bundespressekonferenz

Die Herausgeber

Elmar Brähler

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Prof. Dr. Elmar Brähler war von 1994 bis zu seiner Emeritierung 2013 Leiter der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig. Seitdem ist er Gastwissenschaftler an der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz. Er leitet dort das BMBF-Verbundprojekt "DDR-Vergangenheit und psychische Gesundheit: Risiko- und Schutzfaktoren".

Elmar Brähler
Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung der Universität Leipzig
Telefon: +49 151 527 37 886
E-Mail: elmar.braehler(at)medizin.uni-leipzig.de

Oliver Decker

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Prof. Dr. Oliver Decker studierte Psychologie, Soziologie und Philosophie an der Freien Universität Berlin. Er ist Professor für Sozialpsychologie und interkulturelle Praxis an der Sigmund Freud Universität Berlin, Direktor des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung sowie des Else-Frenkel-Brunswik-Instituts, beide Universität Leipzig, und Co-Sprecher des Graduiertenkollegs "Rechtspopulismus". 2015 war er Gastprofessor am Department Critical Theory and the Arts der School of Visual Arts in New York, 2019 Gastprofessor am Institut für Soziologie der Universität Wien. Seit 2002 leitet er zusammen mit Elmar Brähler die Leipziger Autoritarismus Studien, seit 2005 veranstaltet er mit Christoph Türcke die Tagungsreihe "Kritische Theorie – Psychoanalytische Praxis". 2018 erschien das von ihm herausgegebene zweibändige Lehrbuch Sozialpsychologie und Sozialtheorie im Springer-Verlag.

Oliver Decker
Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung der Universität Leipzig
Telefon: +49 341 97-15441
E-Mail: oliver.decker(at)uni-leipzig.de
Internet: www.kredo.uni-leipzig.de

Die Studie entstand in Kooperation der Universität Leipzig mit der Heinrich-Böll-Stiftung und der Otto Brenner Stiftung

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