Demoskopie, Medien und Politik

Ein Schulterschluss mit Risiken und Nebenwirkungen

Erschienen am 19. Oktober 2018
Autor: Thomas Wind

Demoskopie und ihre Umfrageergebnisse sind wichtige Bestandteile der politischen Kommunikation. Medien geben Meinungsforschung in Auftrag und verwerten die Ergebnisse. Politik nutzt Umfragen, um über das Meinungsklima in der Bevölkerung informiert zu sein. Dadurch hat sich über die Jahre ein demoskopisch-medial-politischer Komplex herausgebildet. Allerdings verändern sich die gesellschaftlichen und technischen Rahmenbedingungen für Meinungsforschung gerade tiefgreifend. So eröffnet das Internet einen neuen Zugang zu den Stimmungen und Haltungen der Menschen. Innerhalb der Branche hat sich der Wettbewerb zwischen den etablierten Instituten, die an den althergebrachten Methoden festhalten, und den aufstrebenden Online-Meinungsforschern verschärft. Es geht um die Produktions- und Verwertungsbedingungen von Demoskopie in der Zukunft.

Das OBS-Arbeitspapier untersucht zunächst die Rolle und Bedeutung, die politische Meinungsforschung im Zusammenspiel mit Medien und Politik hat. Im Anschluss wird die aktuelle Situation der Demoskopie – institutionell und methodisch – beschrieben. Dabei geht es auch um den Stellenwert der Repräsentativität von Umfragen und inwieweit diese überhaupt bei Online-Befragungen zu gewährleisten ist. Auf Grundlage der Bestandsaufnahme wird ein 10 Punkte-Programm als Empfehlung formuliert, welches auf mehr Transparenz und einen bewussteren Umgang mit Umfragedaten zielt.

Informationen zum Arbeitspapier

  • OBS-Pressemitteilung vom 22. Oktober 2018: "OBS diagnostiziert „Schulterschluss“ zwischen Demoskopie, Politik und Medien" [PDF] [OBS-Presseportal]

Die folgenden zehn Punkte werden als konstruktive Vorschläge verstanden, die dazu beitragen sollen, dass die Meinungsforschung ihre methodischen Grundlagen überprüft und verbessert und dass die Auftrag gebenden Medien ihre Rolle bei der Vermittlung von Umfrageergebnissen stärker hinterfragen und neu justieren. Das folgende 10-Punkte-Programm wurde im Wesentlichen von Thomas Leif konzipiert und spiegelt die Erwartungen an das zukünftige Zusammenwirken von Medien und Demoskopie.

  1. Die Meinungsforschungsinstitute sollten im Sinne von mehr Transparenz sowohl die Rohdaten ihrer Umfragen als auch die Ausschöpfungsquoten und die Gewichtungsformeln zugänglich machen. Damit wird der Schritt von den erhobenen Daten zu den veröffentlichten Ergebnissen nachvollziehbarer.
  2. Die Institute sollten nachdrücklich kommunizieren, dass ihre Befunde Momentaufnahmen von Stimmungen sind, die nur für den Erhebungszeitraum gelten. Zu oft werden diesen Momentaufnahmen – gerade von Seiten der Medien – Prognoseeigenschaften zugeschrieben. Grundsätzlich sollte bei der Vermittlung der Ergebnisse der Konjunktiv gewählt werden.
  3. Im Zusammenhang mit der Sonntagsfrage sollten auch die Anteile der zu diesem Zeitpunkt Unentschlossenen sowie der bekennenden Nichtwähler erfasst und ausgewiesen werden, weil diese die Parteienpräferenzen erheblich relativieren und ein genaueres Stimmungsbild vermitteln können.
  4. Insbesondere die Stichrobenfehler sollten bei der Ergebnisdarstellung (verbal und in grafischer Form) stets klar kommuniziert werden. Die vermeintlich harten Zahlen sind keine exakten Werte, sondern haben bestimmte Schwankungsbreiten, die bei der Interpretation unbedingt berücksichtigt werden müssen.
  5. Auf die Darstellung von Wählerwanderungen nach dem zurzeit gängigen Muster sollte verzichtet werden, weil die Methode fehleranfällig ist und die Ergebnisse empirisch fragwürdig und wenig aussagekräftig sind.
  6. Ein ausführlicher Umfragesteckbrief (demoskopisches Impressum) sollte stets mit publiziert werden, weil sich daran die möglichen Fehlerquellen und Verzerrungen abschätzen lassen.
  7. Journalisten sollten grundsätzlich eine kritische Haltung gegenüber Umfrageergebnissen einnehmen und prüfen, ob die jeweiligen Zahlen tatsächlich als empirische Belege für ihre Ableitungen und Argumentationen taugen.
  8. Die Verträge der öffentlich-rechtlichen Auftraggeber mit „ihren“ Instituten sollten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, da diese Dienstleistung aus dem Budget von verpflichtenden Beiträgen erfolgt. Dies ist auch von privaten Medienunternehmen zu erwarten, die sich der Transparenz verpflichtet fühlen bzw. diese von anderen Akteuren einfordern.
  9. Medien sollten Demoskopen, wenn sie diese für Interviews oder Talk-Shows einsetzen, auf ihre genuine Rolle als Interpreten der erhobenen Daten verpflichten und darauf verzichten, sie als politische Kommentatoren zu instrumentalisieren.
  10. Die genannten Punkte sollten von allen relevanten Meinungsforschungsinstituten am Markt in einer gemeinsamen „Erklärung zur Qualitätssicherung“ als verpflichtend vereinbart werden und verbindlicher Bestandteil der Verträge mit den Auftraggebern von Meinungsforschung sein.

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