Armutszeugnis

Wie das Fernsehen die Unterschichten vorführt

Erschienen am 07. April 2020
OBS-Arbeitspapier 40
Autor: Bernd Gäbler

Armut ist ein politisch umstrittener Begriff, der auf vielschichtige Fragen verweist, facettenreiche Inhalte zum Ausdruck bringt und auch Probleme anreißt, die immer wieder diskutiert werden müssen. Es geht um Weltbilder, Werte, Interessen und Vorstellungen von Gerechtigkeit, die nicht selten aufeinanderprallen. In demokratischen Gesellschaften ist dabei das durch Medien erzeugte Bild von Armut und sozialer Ungerechtigkeit für gesellschaftliche Aushandlungen zentral. Doch welches Bild zeichnen die Medien in Deutschland von Armut? Welches Zeugnis dieser gesellschaftlichen Realität legen sie ab?

Medienwissenschaftler Bernd Gäbler hat mehr als hundert Stunden RTL II geschaut und Sendungen wie „Hartz und herzlich“ und „Armes Deutschland – Stempeln oder abrackern?“ unter die Lupe genommen. Aber auch Formate von RTL wie „Zahltag! Ein Koffer voller Chancen“ und Berichte von ARD und ZDF, in denen Armut thematisiert wird, werden beschrieben und bewertet. Das Arbeitspapier will u.a. einen Anstoß geben, über adäquate Formen der medialen Repräsentation der Betroffenen nachzudenken. Autor und Stiftung rufen Journalisten- und Sozialverbände auf, gemeinsam mit den Betroffenen einen „Leitfaden zur respektvollen Armutsberichterstattung“ zu erstellen.

Aufruf des Autors und der OBS

Es ist für eine Gesellschaft von großer Bedeutung, wie das Thema Armut medial bearbeitet wird. Das ist natürlich eine Frage der Haltung, zu der unbedingt die vorurteilsfreie Recherche gehört, aber insbesondere ein respektvoller Umgang mit den Betroffenen selbst. Sie dürfen nicht nur Objekt der Berichterstattung sein, sondern müssen einbezogen werden in die Erarbeitung journalistischer und ethischer Standards für das Schreiben und Berichten über Armut. In Österreich hat die dortige „Armutskonferenz“ einen Leitfaden für respektvolle Armutsberichterstattung (Armutskonferenz 2018) erarbeitet, die für Deutschland ein Vorbild sein kann.

Autor und Stiftung appellieren an die Journalisten- und Sozialverbände und an die auch in Deutschland existierende „Nationale Armutskonferenz“, gemeinsam genau solche Standards zu diskutieren und verbindlich festzulegen. Sie böten allen Beteiligten eine dringend notwendige Orientierung und könnten in Zukunft als Maßstab für Medienkritik dienen.

Reaktionen auf den Aufruf

„Eine kritische Sicht auf die Armutsberichterstattung im Fernsehen begrüße ich ausdrücklich. Menschen mit Armutserfahrung brauchen Empathie und Unterstützung. Sie dürfen nicht bloßgestellt und diffamiert werden, wie dies in einigen Sendungen des Privatfernsehens geschieht. Wenn auch in Deutschland Journalisten und Betroffene gemeinsam einen Leitfaden für eine respektvolle Armutsberichterstattung erarbeiten wollen, ist der Paritätische mit seiner Expertise gerne mit dabei.“

Dr. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands

„Wir brauchen einen ernsthaften und sachlichen Diskurs darüber, welche sozialpolitischen Maßnahmen notwendig sind, um Armut endlich wirksam zu überwinden! Daher sind wir über den Diskussionsanstoß durch die Otto-Brenner-Stiftung sehr dankbar und begrüßen die Erarbeitung eines Leitfadens für respektvolle Armutsberichtserstattung. Die Nationale Armutskonferenz steht für eine solche Initiative zur Verfügung.“

Gerwin Stöcken, Sprecher der Nationalen Armutskonferenz

"Erst wenn Journalisten und Medienmacher begreifen, dass Armut weit mehr ist als ein finanzieller Zustand ist, sondern eine Sozialisationserfahrung - geprägt von massivem Stress, geringer Resilienz, anhaltendem Kontrollverlust, Diskriminierung und Deprivation - und die vor allem nicht individuell verschuldet ist, sondern sozial und politisch erzeugt ist, dann werden wir Reportagen und Berichterstattungen sehen und lesen, die nicht den Betroffenen in den Blick nehmen. Denn was vielmehr notwendig ist als ein voyeuristisch und betroffener BLick auf "arme Menschen" wie in dem OBS-Diskussionspapier zurecht angeprangert, ist die Focussierung auf Strukturen und Gruppen, die solch prekäre Lebensverhältnisse erzeugen und von deren Existenz profitieren."

Dr. Sandra Siebenhüter, Soziologin

Neben der Coronakrise gibt es auch andere Themen – Armut etwa. Eine neue Studie der Otto Brenner Stiftung zeigt auf, wie klischeebeladen die Berichterstattung über Armut ist. Ein Aufruf, das zu ändern.

Tina Groll, Vorsitzende der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (DJU)

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Weiterführende Links und Informationen

Karikaturen zum Thema Armutsberichterstattung im TV

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Prof. Bernd Gäbler, geboren 1953, arbeitet als Publizist und Professor für Journalistik. Berufliche Stationen: Studium der Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg und Bonn, anschließend unterschiedliche journalistische Tätigkeiten bei Printmedien (u. a. Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, taz); Wechsel zum Fernsehen, u. a.: ZAK (WDR), Dienstag – das starke Stück der Woche, 3, 2, 1 (HR), Schreinemakers live (Sat.1), Sports-TV (VOX), Presseclub (ARD).

Bernd Gäbler
b.gaebler(at)t-online.de

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